St. Galler Tagblatt, 31.03.2017
Zu seinen Liedern inspiriert ihn das Magazin

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CHANSON ⋅ Der österreichische Sänger und Schauspieler Georg Clementi gastiert mit «Zeitliedern» erstmals in der Schweiz. In der Kellerbühne begeistert er mit Liedern, zu denen ihn Pressetexte animiert haben.

Woher kommen die Ideen für Lieder? Georg Clementi ist freilich nicht der Erste, der sich durch Schlagzeilen und Zeitungsmeldungen zu einem Lied inspirieren liess. Aber so konsequent wie der österreichische Sänger hat das wohl bislang kaum einer zum Programm geformt. Denn seine «Zeitlieder» sind deutschsprachige Chansons, deren Texte von Kolumnen, Interviews und Reportagen aus der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und ihres Magazins inspiriert sind.

Im Verlauf des sehr kurzweiligen, manchmal nachdenklichen, doch meist beschwingten Liederabends in der Kellerbühne weist Clementi darauf hin, welche «Zeit»-Autorin oder welcher «Zeit»-Autor denn Patin oder Pate stand. Sein Lied «Liebe, Tod und Wetter» über eine Zugfahrt von München nach Berlin beispielsweise war der Titel eines Interviews – es inspirierte den Musiker zu einem Chansontext über ein langes Gespräch im Zug. Während der Tonfall in den meisten Liedern heiter und ironisch ist, scheut der stimmlich ausdrucksstarke Chansonnier nicht vor ernsten, traurigen Themen zurück. «Lied eines Soldaten» – es beruht auf dem «Zeit»-Text «Was ist ein Krieg?» – beschreibt aus der Sicht eines Soldaten dessen Emotionen und Gedanken, nachdem er erstmals jemanden erschossen hat. Ebenso eindringlich «Der Kinderknast von Lesbos» über einen jugendlichen Flüchtling aus Afghanistan.
 

Virtuose Begleitung, stilistisch facettenreich

«Das müssen sie nun eben ertragen», meinte der Sänger bei diesen zwei eher bedrückenden Chansons zum Publikum. Von wegen «ertragen», ist es doch «Berührtheit», die sie bewirken. Und ihre Melancholie hält auch nicht lange an. Dafür ist Clementi ein viel zu charmanter Wirbelwind und seine Musiker Ossy Pardeller (Gitarren) und Sigrid Gerlach-Waltenberger (Akkordeon) – aus ihrer Feder stammen die meisten Kompositionen – viel zu virtuos. Zwischen Musette-Romantik, mediterraner Lebensfreude, modernem Grossstadt-Swing und rockigen Elementen bewegt sich die musikalische Stilpalette so facettenreich wie die thematische Bandbreite der Lieder. Mit charismatischer Ironie zelebriert Clementi den Konsumrausch oder seziert bitterböse die Billigpreis-Gier. Man leidet mit ihm, wenn er auf der Suche nach dem Frühling immer weiter in den Süden fährt – und er stattdessen im Strassencafé frieren muss. Oder wenn er mit genussvoller Schadenfreude von der 17-jährigen Tochter erzählt. Der gelingt es nach erfolglosen Provokationen mit Piercings und Punk-Phase doch noch, ihr abgeklärte und tolerante Familie zu schockieren: – weil sie nun Muslima sein will.

Was das Trio von etlichen Chansonabenden abhebt, ist zudem die ansteckende Präsenz von Clementi, der seinen Zweitberuf als Schauspieler voll zur Geltung bringen kann: kaum ein Lied, bei dem er still sitzt. Meist ist er in Bewegung, tänzelt oder hüpft im Rhythmus zwischen den beiden Musikern, unterstreicht mit seinen Armen, Gesten und Mimenspiel seine Liedtexte. Das kann einem teilweise ein wenig zu exaltiert vorkommen, scheint ihm aber ganz in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Und es unterstreicht die Energie und Leidenschaft seines Auftritts. Sein erstes Gastspiel in der Schweiz macht Georg Clementi zu einer lohnenden Entdeckung.

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- Andreas Stock

Main Post, 29.01.2017
Georg Clementi, der wunderbare Artikelsänger

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Ob Georg Clementi inzwischen ein Gratis-Abo von der „Zeit“ hat? Ein lebenslanges? Denn wie könnte man schöner für die Wochenzeitung werben, für ihre Reportagen und Kolumnen, als mit solch Liedern und Chansons, wie Clementi sie singt? Ja, doch. Der österreichische Liedermacher und Schauspieler singt Artikel, Schlagzeilen, Interviews. Zumindest lässt er sich von ihnen inspirieren und leiten und macht mit Akkordeonistin Sigrid Gerlach und Gitarrist Ossy Pardeller geistreiche, sinnliche, ausdrucksvolle Musik daraus. Mal federleicht und spritzig, mal melancholisch, mal kritisch und bittertraurig.

Von Ado Schlier empfohlen

Zu erleben am Samstag im Würzburger Bockshorn. Ado Schlier, 30 Jahre lang Leiter von „Songs an einem Sommerabend“ auf Kloster Banz, hatte den Theaterchefs den Chansonnier aus Salzburg nachdrücklich empfohlen. Und das Ehepaar Repiscus wird die Einladung zum Gastspiel wohl kaum bereut haben. Sehr eigen, sehr besonders ist, was Georg Clementi macht. Und sehr eindrücklich schön.

Denn mögen die Texte auf Artikel mit oft ernsten, schweren Themen zurückgehen, auf aktuelle Konflikte – Clementi füllt sie oft genug tänzelnd, tanzend mit Leichtigkeit und zeitlosem Lebensfrohsinn. „Liebe, Tod und Wetter“ war mal eine Hommage von Zeit-Autor Andreas Dresen an den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase überschrieben. Bei solch einem Titel, „da muss man doch einen Song schreiben“. Genauso wie über die (Reise-)Reportagen „Nächste Abfahrt Frühling“ oder „Salzburg im Schnee“.

Erschütterde Reportagen vertont - und Kolumnen auch

Und wenn dem 47-jährigen Liedermacher eine Reportage nicht mehr aus dem Kopf geht wie die über den „Kinderknast von Lesbos“, wo 1000 junge Flüchtlinge kurz vor dem Ziel Europa im Schlauchboot gefasst sich Matratzen für 300 teilen . . . Oder wenn ihn eine Geschichte so aufwühlt wie die über den Soldaten, der nach der Wahrheit sucht, die Opfer der Widersprüche wurde, und nach dem Sinn, der im Töten verloren ging – dann singt er darüber auch. Durchdringend und erschütternd. „Und Sie“, sagt er zu seinen Zuhörer dann, „Sie müssen es jetzt ertragen“.

Selbst Martenstein-Kolumnen singt er, mit eingesprungenem Schlussakkord und einem kecken Lachen. Was Clementi da macht, wie er es macht, das ist sinnlich und berührend und witzig zugleich. Auch weil Sigrid Gerlach-Waltenberger, die die Melodien schrieb, und Ossy Pardeller dazu ganz wunderbare, virtuose Musik machen.

Die Ausbeutung der Supermarktkassiererin durch unsere Gier nach „Hauptsache billig“, Pubertät und Fernweh und die Ermordung Pasolinis – alles singt, spielt, lebt, interpretiert Georg Clementi aus. Wütend und liebevoll, frech und einfühlsam und theatralisch in Mimik und Ton. Ein Ereignis! Und, ach ja: Die „Zeitlieder“ gibt es auch auf zwei CDs. Den Hamburger Verlag und seine Schreiber kann es freuen.

- Alice Natter